WISH YOU WERE HERE.


Kurt und seine indischen Affen. Gasseldorf, 2006


Ende September 2010: Ich weilte grad südlich von Valencia und genoß die letzten Tage unserer Flitterwochen, als ich vom Unfall Kurt Alberts erfuhr. Was tut der Mensch ganz automatisch, wenn er etwas für ihn zu schlimmes hört? Er will nicht wahrhaben, was nicht sein darf und was außerhalb seiner Vorstellung liegt.

Dieser Zustand dauerte bei mir vielleicht ungefähr eine halbe Stunde an. Dann trank ich das erste Vormittags-Bier meines Lebens und versuchte mir eine Kletterwelt ohne Kurt vorzustellen.


Wer in den Achtzigern mit dem Klettern begann, bekam selbst dann was von Kurt mit, wenn er - so wie meine Freunde und ich - am flachen Niederrhein fern jedes Felsens aufwuchs. Was nicht zuletzt auch an der genialen »Sportspiegel«-Folge lag, die Kurt und Wolfgang Güllich ins Yosemite folgte und den Heros auf die Finger schaute. Ich bin bei weitem nicht der einzige, der irgendwann alle Passagen flüssig mitsprechen konnte. Und manche der darin enthaltenen Aussagen haben sich als Klassiker bis heute am Leben gehalten ... Auf Youtube gibt's einen sehr schlechten Upload dieser Folge:

Wir waren natürlich so schlau die Fernsehsendung auf VHS aufzunehmen und wenn man bedenkt, dass es weder das Internet noch Kaufvideos gab, wird vielleicht verständlich, warum wir den einzigen verfügbaren Kletterfilm Frühjahr-Sommer-Herbst-Winter 24/7 runternudelten.

Ich glaube zudem, dass einem der Tod von Menschen viel näher geht, die man schon als Kind bewundert hat. Und wer bitteschön wollte nicht den Lifestyle verfolgen, den Kurt und Wolfgang - zumindest medial - an den Tag legten? Heutzutage ist der Amerikatrip die Norm, das war er in den glory 80's nicht, sondern eben den Stars vorbehalten. Ausnahmen dürften auch hier wieder die Regel bestätigen.



Am Richard Wagner Fels, 2005

Noch viel schöner als der idealisierte Hero war jedoch die Tatsache, dass jemand wie Kurt im richtigen Leben noch viel lässiger und sympathischer rüberkam, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.

Es war das Jahr 2002 und ich produzierte grad den epochalen Kletterfilm »iClimb« übers Klettern in der Fränkischen zusammen mit Tim Bartzik. Der Film wäre ohne Kurt natürlich ein hohles Unterfangen gewesen. Nur wie sollten wir den Großmeister vor die Kamera kriegen, wenn mir schon beim Gedanken in leibhaftig zu treffen, die Knie schlotterten? Ich lief ihm dann zufällig am Kühlochfels über den Weg und stammelte ihn wie ein Teenager beim ersten Date an. Ob er, ähm, vielleicht was, ähm, klettern würde ... ähm ... für die Kamera?

Kurt wäre nicht Kurt gewesen, wenn er nicht erstens gleich Ja und zweitens ein Devil's Crack Solo vorgeschlagen hätte. Solo??? Nein, bitte nicht! Ich war vor den Aufnahmen schon komplett schweißgebadet und danach mit den Nerven völlig am Ende. Alleine die Vorstellung, dass mein Idol durch meine Initiative vor meinen Augen abstürzen könnte, ließ das Adrenalin aus meinen Ohren fluten.





Auf jeden Fall lernte ich so schon früh eine von Kurts herausragenden Charaktereigenschaften kennen, die ich in dieser Welt viel zu oft vermisse: Spontaneität.

Oder wie Jerry Moffatt mal sagte: »Kurt was always YES!«


Dann gab's das coole Jahr 2005, als wir alle zusammen mit Martin Schepers und Timo Marschner das Fight Gravity Buch und die DVD produzierten und ich mich nicht nur einmal im siebten Himmel wiederfinden durfte. Ich sag's ja immer gern wieder: Dreams are my reality.

Ich weiß noch wie mich Kurt bei dem Date auf dem mittleren Foto die ganze Zeit mit einer flexiblen Holzschlange unter dem Tisch neckte und sich kaputtlachte, als er mich zu Tode erschreckte. So cool.




Er konnte einfach eine superrelaxte Stimmung um sich herum verbreiten. Eine Stimmung, in der Du sofort Lust hattest die Füße auf den Tisch zu legen und Fünfe gerade sein zu lassen. Selbst ich hatte irgendwann keine roten Ohren mehr in seiner Gegenwart.

Rote Ohren vielleicht noch einmal im Jahr 2007, als ich ihn zusammen mit Chefhero Rüdiger Nehberg nach einem von Sir Vival's Vorträgen in einer Erlanger Kneipe über den Weg lief und Kurt mir zurief: »Mensch Hannes, ich hab mich schon gefragt wo Du steckst.« Weil er wußte, dass ich nur durch den Überlebenstypen Rüdiger überhaupt zum Klettern gekommen war.



Kurt Albert, kleiner Hannes auf Adrenalin1000, Rüdiger Nehberg aka Sir Vival, Erlangen 2007

Und so weiter und so Kurt. Einfach ein super Typ, den man nur vermissen kann.


Glücklicherweise gibt es jetzt ein wunderbares Erinnerungsbuch über ihn, geschrieben von Tom Dauer. Und auch wenn ich selber mal schrieb, dass »Kurt's Verdienste für das Sportklettern hervorzuheben so sei, als würde man Schnitzel in die Fränkische tragen«, war eine Biografie, die den Menschen und sein Lebenswerk huldigt, natürlich mehr als angesagt. Spätestens jetzt zum zehnten Todestag.


Eine Superbuch: Tom Dauers Biografie über Kurt

Eine klitzekleine Rezension von mir:

Dieser Freitag ist nicht der beste Tag der Woche, denn heute endete die schöne Zeit, die ich mit Kurt am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag verbringen durfte. Nur dank gnadenloser innerer Härte und Selbstdisziplin habe ich die jetzt erschienene Biografie nicht gleich in einer Nachtschicht verschlungen, sondern es geschafft das Vergnügen zumindest auf vier Tage zu strecken.

Man möchte dem Autor Tom Dauer die Füße küssen. Erstens aus dem Grund, dass jetzt überhaupt etwas an Mister Rotpunkt erinnert. Denn lange sah es ja so aus, als würde gar kein erinnerndes Werk über Kurt Albert erscheinen. Keiner schien sich dazu berufen zu fühlen und dass selbst mir Kleckser Huch aufmunternd auf die Schulter geklopft wurde – »Das wär' doch was für Dich, Hannes!« – zeigt wie aussichtslos die Lage schien. Doch dann kam Tom und er hat nicht nur wunderbare Erinnerungen und ein ungemein subtiles Portrait über einen der faszinierendsten Menschen der Klettergeschichte geschrieben (womit einer Biografie eigentlich schon Genüge getan wäre). Nein, Tom Dauer aka @dauertom hat darüber hinaus mehrere Jahrzehnte internationaler Klettergeschichte mitsamt ihrer schillernden Protagonisten so dermaßen flowig eingewebt, dass man dieses Buch einfach lesen muß, wenn man sich auch nur im entferntesten mit dem Gedanken beschäftigt einmal selber Hand an den Fels zu legen. Denn: Never forget where you're coming from!

Klettern gibt es eben nicht erst seit es 8a.nu gibt, und dass aus einem Außenseiterspleen ein letztendlich olympisches Ding wurde, hat eben auch mit Kurt und Kollegen zu tun.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und wir Kletterer können so unendlich dankbar sein, dass die Zauberer unseres geliebten Sports so ungemein coole und sympathische Typen waren: Albert, Moffatt, Arnold, Geschwendner, Güllich Kauk, Fawcett ... alle, die ich persönlich treffen durfte, waren auch bei Kaffee und Kuchen sagenhaft beeindruckende Menschen.

In punkto Einzigartigkeit schlägt aber keiner Kurt Albert. Und warum das so ist, erfährst Du in Tom Dauers leidenschaftlicher Biografie. #mustread!

Danke Tom!


Mit Stefan Glowacz durfte ich ein Interview mit Tom Dauer filmen, was sich auch sehr lohnt angeschaut zu werden ...




Was bleibt? Kurts Routen natürlich, in denen man immer wieder Spaß haben kann. Mir zumindest wird's auch bei der 500. Dampfhammer-Begehung nicht langweilig werden.

Und man sollte immer dran denken Humor in sein Leben lassen. Natürlich gab es nicht nur den Klamauk-Kurt, aber es war eben ein deutlicher und gut sichtbarer Teil von ihm. Und ich finde, dass die Scherzkeks-Quote an den Felsen nicht unbedingt gestiegen ist in den letzten Jahren.



Keine Sorge, Kurt: Das mach' ich glatt!


Ich mag dieses Zitat von Maya Angelou sehr: »I 've learned that people will forget what you said. People will forget what you did. But people wil never forget how you made them feel.«


You made me feel good, Kurt! Thanks.


R.I.P.