Überleben ums Verrecken

Wie ich in den 80ern im flachsten Teil Deutschlands zum Kletterer wurde.


»Wenn Du denkst, Abenteuer sind gefährlich, probier's mal mit Routine: Die ist tödlich.« (Paul Coelho)


Stahlbeton in Hülle und Fülle, da darf das Rambo-Messer nicht fehlen.

Wie zum Henker kommt man ausgerechnet in den Achtzigern am flachen Niederrhein zum Klettern? In einer Ecke Deutschlands, in der die höchste Erhebung kaum höher als hundert Meter ist (und trotzdem steht dort ein Gedenkstein) und der größte Felsblock ungefähr einen Meter im Durchmesser misst: Das ebenfalls mit einem Gedenkstein dekorierte »Goldene Kalb«. Dieser Brocken ist ein Kieselstein, den die Eiszeit dorthin schob. Und ich jammerte damals in schöner Regelmäßigkeit, warum die Eiszeit nicht gnädiger war und uns ein paar größere Felsen vor die Füße spülen konnte.

Also, es war ungefähr so: Im Alter von neun Jahren trat ich in die Pfadfinder ein, das war damals noch der coolste Verein in meiner Heimat, dem »Spargeldorf Kessel«. Ich schwor in jungen Jahren mit einer Hand auf der Fahne »Gott und dem Vaterland« zu dienen, was ich bis heute mit Stolz versäumt habe. Wir sangen Pfadfinderlieder wie im Bilderbuch und dank des nahen Reichswaldes, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet von Nordrhein-Westfalen, hatten wir ausreichend Auslauf für Abenteuer vor der Haustür. Es war 'ne geile Zeit.


Nein, es ist nicht Vietnam 1969. Es ist der Niederrhein 1987. Robert, Hannes, Bodo.

Sie wurde aber noch viel geiler, als ein mitpfadfindernder Freund mich an die Hand nahm und wir Dinge zu tun begannen, die bei den Scouts nicht unbedingt erlaubt oder gern gesehen sind. Nicht das, was Du jetzt denkst, Du Ferkel! Dieser Freund, Robert sein Name, war ein wenig als Spinner verschrien. »Der erzählt verrückte Sachen, die stimmen aber nur manchmal!« warnte sogar meine Mutter. Mir war das egal, denn ich fand alle meine Mitschüler in der Realschule doof. Dies beruhte mit großer Wahrscheinlichkeit auf Gegenseitigkeit, denn mit meinem Survivaltick war ich ohnehin viel zu freakig für diesen Landstrich. Es leuchtete mir zum Beispiel überhaupt nicht ein, warum es nicht alle megacool fanden in einer neonfarbenen Lycra-Leggings in die Schule zu gehen, halt so wie sich meine damaligen Helden im Klettermagazin rotpunkt kleideten. Rückblickend wurde mir natürlich einiges klar und ich kann von Glück sagen, dass ich nicht einfach von ein paar Jungs verprügelt worden bin, um mich wieder einzunorden. Dass mit Mädels in dem Look selbstredend Essig war, brauche ich nicht weiter auszuführen.


Unerläßliche Übung für etwaige Bisswunden von Tigern: Wunden vernähen an Schaumstoff.

Unser erklärtes Ziel war es die Pfadfinderei etwas verschärfter anzugehen. Also Eisbaden im Winter, Hunger-Wochenenden im Wald und – BERGSTEIGEN! Es erschien uns unerläßlich die Überwindung von steilen Felsabbrüchen einzustudieren, für die wir dann im Ernstfall aufgrund unseres Trainings nur noch ein müdes Lächeln übrig haben würden. Der Ernstfall wurde emsig geprobt und hatte eigentlich immer die gleiche Ausgangssituation: Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel und Du bist der einzige Überlebende. Ein genialer Plot um tausend Abenteuer drum herum zu stricken!

Unsere Ratgeber-Lektüre im klettertechnischen Bereich bestand im wesentlichen aus Herrmann Hubers Ratgeber »Bergsteigen heute« (Ausgabe 1981), in dem die Schwierigkeitsskala noch bis 7 reichte. Damals war eben alles anders, wie Du aus dem folgenden Buchzitat über den fünften Grad schließen kannst:

»Schwierigkeitsgrad 5 (besonders schwierig): Trainiertes Können, ausgefeilte Technik und Kraftreserven sind Voraussetzung, besonders für den Seilschaftsführer. Ein oberer fünfter Grad ... ist Meisterkletterern vorbehalten!«


Keine Smartphones, dafür Messer und massive Taschenlampen.

Robert war wie bei Bond »Q«, also für das Beschaffen der erforderlichen Ausrüstung zuständig. Nächtliche Beutezüge ins lokale Freibad brachten ein paar Seilstücke in unsere Rücksäcke. Diese weißen Stricke hatten zuvor als Becken-Begrenzung gedient und ihre Gebrauchsdehnung lag bei ungefähr fünfzig Prozent. Egal, immerhin rissen sie nicht sofort.


Style is the law. Hannes aka Prinz Eisenherz.

Roberts Vater besaß eine Autowerkstatt und auf dem Hinterhof lagerten jede Menge schrottreifer Karossen. Innovativ wie er war, schnitt Robert die Autogurte aus den Fahrzeugen und fügte sie mit Hilfe von fünfmarkstückgroßen Unterlegscheiben und nicht minder bescheidenen Edelstahl-Schrauben zu brauchbaren Klettergurten zusammen. In der Werkstatt seines Vaters flexte er aus Eisenstücken Haken und baute aus Drahtseilen sowie Aststücken Trittleitern, die uns fürs Klettern immens wichtig schienen.


Verschraubte Autogurte und jede Menge Fantasie katapultieren Dich so an fernste Berge.

Zu dieser Zeit war Klettern eine Fähigkeit neben anderen für uns, die wir eben üben mußten so wie Feuermachen oder das Wunden vernähen an Schaumstoff. Dass das Klettern irgendwann die Hauptrolle übernehmen würde, war mir zumindest nicht klar. Eines der Mantras im Training lautete »Lege niemals Deinen Survivalgurt ab!« Wir schliefen sogar mit den Dingern, denn theoretisch hätte uns ja jederzeit eine Horde Löwen in die Flucht schlagen können. Und auf dieser Flucht eben ist der Survivalgurt, eine Tasche mit dem allernotwendigsten sowie dem obligatorische Rambomesser, Dein bester Freund.

Da auch in der Vertikalen eine unvorhergesehene Katastrophe möglich war, waren wir somit nicht nur in selbstverschraubte unbequeme Gurte gezwängt, sondern wurden auch vom Kampfmesser mit Blutrinne, fixiert am Oberschenkel, stets auf den Ernst der Lage hingewiesen.

Wir lechzten nach einer Natursteinwand, die zumindest ein wenig Felsfeeling bieten würde. Doch die einzige, über die wir stolperten, war eine 45 Grad flache Platte an einer Uferbegrenzung. Selbst mit unserer Phantasie war das zu wenig um Bergsteiger zu spielen. Wir fanden unseren Playground für die nächsten Jahre dann an den aufkommendenden Stahlbetonbrücken, die zwar in ihrer kühlen Optik nicht gerade ein Flair von Wildnis versprühten, aber immerhin einige Struktruren zum Festhalten boten. Außerdem ein paar Lücken, in die wir Roberts selbtgedengelte Eisenhaken dreschen konnten: Let's climb!


Lang lebe die Tights.

Es war eine großartige Zeit! Ich bin so unendlich dankbar ohne Internet und Smartphone aufgewachsen zu sein, diesen Geheimnis- und Spannungskillern, die den Kids die Birne schon im Kinderwagen verkümmern lassen. Und ich habe keine Ahnung, ob ich ohne den angeblichen Spinner Robert jemals zum Kletterer geworden wäre. Er wanderte dann irgendwann nach Australien aus, programmierte irgendwelche Geheimcodes in U-Booten, ist ein begnadeter Taucher geworden und macht tausend spannende Dinge gleichzeitig.


Ein Freak? Kann sein. Auf jeden Fall eine coole Sau: Robert.

Für mich waren diese Brückenaktionen der Start ins größte Abenteuer meines Lebens und letztendlich habe ich fast alles Gute, was mir widerfuhr, dem Klettern zu verdanken. Wenn Du Bock hast, erzähle ich Dir demnächst noch mehr von "damals" und zudem, was heute so abgeht in der Kletterwelt. Aus meiner höchstpersönlichen Perspektive.

Dein Hannes


Rambo hat sein Stirnband auch nie abgelegt.